oceanspray

Deutsche Presseagentur, 30. Mai 2007

Claudia Pechstein flieht nach Norwegen

Berlin (dpa) - Die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegern Claudia Pechstein sieht in Deutschland keine Perspektiven mehr und flieht wegen der mangelnden Unterstützung nach Norwegen.

„Es gibt in Deutschland keine Alternativen. Sportdirektor Günter Schumacher hat sich nicht einmal erkundigt, wie ich die Saison plane oder ob ich Unterstützung brauche“, kritisierte die erfolgreichste Winterolympionikin die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) auf einer Pressekonferenz in der norwegischen Botschaft in Berlin. Bereits am 4. Juni beginnt ihr neuer Karriere-Abschnitt beim Training mit der Eisschnelllauf-Auswahl Norwegens in Oslo.

Für den vielen Jahre erfolgreichsten deutschen Wintersportverband ist der Schritt ein Armutszeugnis. Pechstein ist nach Anni Friesinger die zweite deutsche Top-Eisschnellläuferin, die wegen der mangelnden Umfeld-Bedingungen im Training ihr Heimatland verlässt. Friesinger hatte sich im Vorjahr entschlossen, bei ihrem neuen Coach Gianni Romme in den Niederlanden zu trainieren.

Pechsteins Coach Joachim Franke bestätigte indes in Berlin das Ende seiner Erfolgs-Laufbahn. „Abschied ist ein scharfes Schwert, aber 55 Jahre im Leistungssport, davon 35 Jahre als Trainer, sind genug“, meinte der mit neun Olympiasiegen und 43 WM-Titeln erfolgreichste Eisschnelllauf-Trainer der Welt. „Claudia ist eine Superfrau. Ihr Wechsel ist für mich ein großes Ereignis. Ich bin überzeugt, sie wird in Norwegen ein sehr gutes Umfeld vorfinden“, meinte Franke, der aber seine Musterschülerin, die er 16 Jahre lang betreute, auch weiterhin beraten wird. „Deshalb werde ich im kommenden Winter keine großen Fehler machen. Ich gehe mit gemischten Gefühlen, aber auch mit Zuversicht. Ich will bei der EM endlich mal wieder eine Medaille gewinnen“, sagte Pechstein.

Bereits am 2. Juni fährt sie mit der Fähre nach Oslo, wo sie mit der Trainingsgruppe des Amerikaners Peter Mueller, der zwischen 1988 und 1991 deutscher Bundestrainer war, in die Sommervorbereitung startet. Neben den Top-Läufern Eskil Ervik und Havard Bökko gehört zu dieser Gruppe auch Maren Haugli, die einzige Weltklasse-Läuferin Norwegens. „Ich bin froh, dass ich in der Nähe von Oslo zunächst bei ihr übernachten kann. Der Draht ist sehr gut.“ Ein flüchtig unterbreitetes Angebot von Erzrivalin Anni Friesinger beim WM-Abschluss-Bankett in März hatte sie indes nie ernst genommen.

„In Norwegen ist Claudia Pechstein sehr bekannt und beliebt. Sie wird bewundert», berichtete Botschafter Björn Tore Godal. Pechstein wird aber weiter für Deutschland starten, Kosten für Trainingslager und Reisen in fünfstelliger Höhe werden großen Teils von der DESG getragen. «Diesbezüglich sind wir DESG-Präsident Gerd Heinze dankbar, dass er noch einiges möglich gemacht hat“, sagte Manager Ralf Grengel. „Der Präsident kapituliert aber davor, dass er kein entsprechendes Umfeld bieten kann“, fügte er hinzu.

Die alte, bisher privat finanzierte Berliner Trainingsgruppe ist schon aufgelöst. „Die Männer waren zuletzt ein bisschen zu langsam“, meinte Pechstein schmunzelnd. „Ich hatte mir daher natürlich erhofft, dass der Sportdirektor bei den letzten erfolgreichen Läuferinnen mal nachfragt. Aber das ist leider ausgeblieben. Seit Jahren ist das immer dasselbe“, fügte sie hinzu.

Schumacher kann diese Kritik nicht verstehen. „Die Sache war von Anfang an mit uns abgestimmt. Ich habe mit Joachim Franke jeden Schritt beraten und Teamchef Helge Jasch hat den Kontakt zu der Athletin gehalten“, meinte der Sportdirektor verwundert. Für Pechstein scheint mit dem neuen Schritt auch der Traum von einem Privatteam ausgeträumt. „Das ist einfach eine Frage des Geldes“, begründete sie. Jedoch eröffnet ihr der neue Schritt möglicherweise das Verlängerung ihre Karriere über das geplante Ende 2008 hinaus. „Vielleicht laufe ich noch ein oder zwei Jahre. Alles ist offen."

Letzte Aktualisierung:
25.11.2009

webmaster: web@connye.com