EISRIVALINNEN
Claudia hat es allen gezeigt
Claudia Pechstein ist gelaufen, was die Lunge hergab, und hat alle Rekorde gebrochen. Ihre größte Genugtuung aber ist, dass sie damit der ewigen Konkurrentin Anni Friesinger so richtig die Show stehlen konnte.
Salt Lake City - Utah Olympic Oval, Sonnabend, die letzte olympische Entschei-dung im Eisschnelllauf, das letzte Paar über 5000 Meter der Damen. Anni Friesinger (25) aus Inzell versucht sich gerade auf ihren Start zu konzentrieren, da wird es in der Gegenkurve richtig laut. Claudia Pechstein (30) aus Berlin, die zuvor gerade Weltrekord gelaufen war, lässt sich feiern. Noch ein wildes Winken, noch eine Verbeugung in Richtung Tribünen - und das Fan-Volk rast. Einige Minuten später, Friesinger geht gerade in die finale Runde, kramt Pechstein auf dem Innenring der Bahn eine Perücke in den Deutschland-Farben aus ihrem Rucksack und lässt sich abermals feiern.
Für die Freunde des gepflegten Zicken-Zoffs neues Futter. Da können die beiden besten Eisflitzerinnen der Welt noch so oft beteuern, ihre zuweilen ins Groteske abdriftende Rivalität sei doch nur durch die Medien geschürt - sie lassen keine Gelegenheit aus, das Thema am Köcheln zu halten.
Ist es eiskaltes Kalkül, oder steckt doch abgrundtiefe gegenseitige Abneigung dahinter? Keiner vermag das mit letzter Sicherheit zu sagen. Fakt ist, dass mit dem großen Friesinger-Interview im Hamburger Abendblatt vor mehr als einem Jahr eine Never-ending-Story ihren Anfang nahm, die die Szene bis heute in Atem hält. Nicht zuletzt, weil Pechstein kurz vor Olympia, wiederum in einem Abendblatt-Interview, noch einmal kräftig nachlegte. Es geht um alte Ost-West-Ressentiments, verletzte Eitelkeiten und - mit Verlaub, Weiberkram -, den so richtig wahrscheinlich nur Frauen verstehen können. So jedenfalls empfand es Jan Friesinger, Annis Bruder, der, trotz enger familiärer Bindungen auch keine schlüssigen Erklärungen für die andauernden Scharmützel der beiden bildhübschen Eisdiven fand.
Doch wer sagt eigentlich, dass nur Harmonie und unzerstörbarer Teamgeist die Grundlage für olympische Erfolge in Serie sind? Friesinger und Pechstein beweisen mit schöner Regelmäßigkeit das Gegenteil.
Und wenn sie sich gerade nicht gegenseitig angiften, hilft Friesinger-Trainer Markus Eicher schon mal kräftig nach. Sein Schützling hatte nach zwei vergeblichen Anläufen gerade Olympiagold über 1500 Meter gewonnen, da facht er den Kleinkrieg mit der Berliner Fraktion erneut an. Es sei ein Unding gewesen, die beiden in einem Appartement unterzubringen, schimpft er. "Bei den Holländern würde es nie vorkommen, dass man zwei Athleten, die um die gleiche Medaille streiten, in einem Appartement (mit vier separaten Zimmern - die Red.) unterbringt", sagt Eicher. Das sei ja gerade so, als würden die Österreicher ihre alpinen Superstars Hermann Maier und Stefan Eberharter in ein Zimmer sperren. "Da gäbe es Mord und Totschlag", glaubt Eicher. Das nächste Mal werde man gleich ein Haus mieten, um solch einer Situation von vornherein aus dem Wege zu gehen.
Claudia Pechstein reagierte darauf mit (gespieltem?) Unverständis: "Klar läuft man sich in der Küche oder im Bad mal über den Weg. Wir haben sogar mal gemeinsam ferngesehen. Ich hatte damit kein Problem. Und wenn ich meine Ruhe haben wollte, bin ich in mein Zimmer gegangen und habe die Tür zugemacht."
Wie auch immer. Die kleine, zähe Berlinerin schien dem Nervenkrieg - durch den Boulevard noch mit "Busenneid" gewürzt - besser gewachsen zu sein, als ihre bajuwarische Erzrivalin. Die wollte vier Medaillen mit nach Inzell nehmen, am Ende stand einmal Gold zu Buche. Pechstein aber spielte all ihre Erfahrung und Routine aus und war am Ende klare "Punktsiegerin" im Duell der Diven.
Dem Auftakterfolg über 3000 Meter ließ sie den Sieg über 5000 Meter folgen, der gar zu einem Sturmlauf in die Geschichtsbücher geriet. Die sensationelle Zeit von 6:46,91 Minuten bedeutet nicht nur einen Fabel-Weltrekord. Sie vollendet auch einen zuvor im Eisschnelllauf nie da gewesenen olympischen Hattrick, hatte sie über die gleiche Distanz doch schon bei den Spielen in Lillehammer 1994 und Nagano 1998 triumphiert. Last but not least krönte sich Pechstein zur erfolgreichsten deutschen Olympionikin aller Zeiten. Mit nunmehr viermal Gold, einmal Silber und zweimal Bronze entthront sie Karin Kania-Enke und Gunda Niemann-Stirnemann (3/4/1), zwei andere Eisflitzerinnen.
"Es ist einfach ein überwältigendes Gefühl", sagt die Polizeimeisterin beim Bundesgrenzschutz, die tags zuvor gerade 30 Jahre alt geworden war. "Groß feiern konnte ich da natürlich nicht. Doch das werde ich jetzt doppelt und dreifach nachholen", kündigte sie an. Das tat sie denn auch im Thüringen-Haus. Natürlich fernab von Erzrivalin Anni Friesinger.
Von Lutz Wagner
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