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2. Falsche BarcodesDie korrekte Handhabe von Barcodes gehört zum Einmaleins des Antidopingkampfes, da die Barcodes die eindeutige Zuordnung von Blutwerten zum betreffenden Athleten garantieren (sollen). Damit jeder, auch wenn er nicht zu den Experten zählt, versteht, was ich meine, möchte ich kurz erläutern, wie die Regularien ablaufen, wenn ich Besuch von den Kontrolleuren bekomme. Zunächst einmal muss ich stets damit rechnen, zur Blut- oder Urinprobe gebeten zu werden - und zwar unangemeldet! Im Anschluss an die Probe erhalte ich eine Dokumentendurchschrift, auf der alles Wesentliche und Wissenswerte festgehalten wird. Damit jeder weiß, was ich meine, zeige ich folgend den wesentlichen Ausschnitt von der Kopie einer solchen Durchschrift:
Darauf findet man dann u.a. das entsprechende Datum, die Art der Probe (in diesem Fall also Blut), meinen Namen, meine Unterschrift und ganz wichtig: den Barcode, einen Zahlenschlüssel, gleichbedeutend mit meiner persönlichen Kennziffer. Heißt, auf der Flasche mit meinem Urin oder Blut steht nicht der Name Claudia Pechstein, sondern dieser persönliche Barcode! Damit beim Transport der Proben und beim Messen der Werte in den Laboratorien die Anonymität gewahrt bleibt und möglichen Manipulationen nicht Tür und Tor geöffnet werden. Den Barcode dieser Probe vom 23. August 2005 aus dem Trainingslager in Font Romeu gibt es hier noch einmal in der Vergrößerung:
Als nächstes zeige ich zunächst die komplette Anlage 2 der Anklage (nach ISU-Aussage ja komplett frei von Fehlern). Hier finden sich gleich in der ersten Spalte alle meine persönlichen Barcodes wieder. Unschwer zu erkennen, dass die beiden Barcodes nicht übereinstimmen, sich nicht einmal ähnlich sind. Wer zudem einen Blick auf den Wert der Retikulozyten an diesem Tag wirft, wird sehen, dass dieser mit 2,53 über dem von der ISU festgelegten Grenzwert von 2,4 liegt. Allerdings hatte Professor Harm Kuipers, Mediziner der ISU, also der Mann, der die Verurteilung gegen mich anhand von medizinischen Daten vorbereitet hat, gegenüber der Presse für die geänderten Codes eine Erklärung. Ich zitiere aus einem Text der dpa (deutsche presseagentur): Kuipers suchte die Schuld dafür bei den Kontrolleuren, die teilweise nicht die standardisierten ISU-Codes verwendeten. «In diesem Fall müssen bei uns die Codes geändert werden. Aber wir können anhand unserer Unterlagen nachweisen, dass es sich trotzdem um die selben Proben handelt», erklärte der ISU-Mediziner. Er räumte ein, das sei «nicht ideal, aber wir müssen die Codes korrigieren. Das passiert nicht oft, aber manchmal», sagte Kuipers. Ausrede oder Fakt? Den Beweis, dass er die richtige Zuordnung nachweisen kann, wird er im Berufungsverfahren vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS erbringen müssen. Da wird sich keiner der Richter mit Beteuerungen, sondern nur mit handfesten Beweisen zufrieden geben. Wie dem auch sei: Im Anschluss an die PK durfte ich mir von einem Journalisten der Süddeutschen Zeitung anhören, dieser Fehler sei doch gar nicht so schlimm, da die ISU die interne Zuordnung der Codes und Proben doch laut eigener Aussage dokumentieren könne. Da hätte ich aus der Haut fahren können. Es geht um meine Existenz, um meine Glaubwürdigkeit, um meine Ehre und da flötet einer ins Mikro, das sei doch gar nicht so schlimm? Hat sich ein solcher Journalist eigentlich jemals Gedanken gemacht, wie es im Innern eines zu Unrecht Beschuldigten aussehen kann? Wahrscheinlich kaum, wahrscheinlich bin ich in seinen Gedanken eh schon verurteilt und eine Lügnerin, wie die anderen, wie die wirklichen Dopingsünder. Mir wird immer klarer, dass ich bei solchen Reportern eigentlich nie eine echte Chance auf faire Berichterstattung gehabt habe. Denn für mich ist es keinesfalls nachzuvollziehen, warum ein klar zugeordneter Barcode im Nachhinein geändert werden muss. Selbst wenn es tatsächlich passiert sein sollte, würde dies einen mehr als faden Beigeschmack hinterlassen. Und vor allem: Warum wird dann der Sportler, wie ich in diesem Falle, nicht darüber informiert? Ich erfahre also fünf Jahre nach einer solchen Veränderung, erst nach Anklageerhebung gegen mich, von einem neuen Barcode. Besser gesagt, ich hätte es wahrscheinlich nie erfahren, wenn ich es nicht selbst bei der Durchsicht meiner Unterlagen und beim Abgleich mit den ISU-Anklagedaten bemerkt hätte. Ein solches Vorgehen ist für mich absolut inakzeptabel. Vor allem weil es sich nicht um einen Einzelfall handelt. Von meinen 20 Durchschriften der Out-Of-Competition-Kontrollen sind acht Barcodes nicht mit denen der ISU-Datenbank identisch. Als 40 (!) Prozent. Bei diesem Anteil von „passiert nicht oft“ (Zitat Kuipers) zu sprechen, ist meiner Meinung mehr als dreist. Zumal ja noch etwas anderes hinzukommt: Die Mehrzahl der Codes in der ISU-Anklage stammen von Wettkampfkontrollen. Und bei den Wettkämpfen erhalten wir Athleten keine Durchschriften, sondern lediglich einen kleinen Schnipsel Papier mit unserem Barcode. Wenn man nach den Messungen das Okay für den Start bekommt und einem somit signalisiert wird, dass alle Werte in Ordnung sind, dann sieht man natürlich keine Veranlassung mehr, diesen Schnipsel aufzuheben. Von daher habe ich die meisten dieser Barcodes leider nicht mehr, nur ganz wenige habe ich zufällig noch gefunden. Und selbst bei dieser mageren Ausbeute konnte ich erneut drei Codes entdecken, die nicht mit denen der ISU-Datenbank übereinstimmen. Wie sähe es wohl aus, wenn ich alle Codes aufgehoben hätte? Wenn ich gewusst hätte, welche Rolle dies einmal spielen könnte, wäre ich sicherlich sorgsamer gewesen. Allerdings muss sich die ISU die Frage gefallen lassen, warum es eigentlich so schwierig ist, auch am Wettkampftag ein schriftliches Protokoll anzufertigen und an die Athleten eine Durchschrift davon auszuhändigen? Das würde jetzt für mehr Transparenz sorgen, denn diese Durchschriften habe ich so gut wie immer fein säuberlich abgeheftet. Aber vielleicht ist eine solche Transparenz ja gar nicht im Sinne des Verbandes. Denn auch bei meinen Werten, die von den Dopingproben nach meinem vorerst letzten Rennen gemessen wurden, hat die ISU lange Zeit eine solche Transparenz (sehr zu meinem Nachteil) vermissen lassen, wie hier nachzulesen ist: 3. Unterschiedliche Messwerte. |
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