Update: 21. Dezember 2009
Nach der Veröffentlichung meiner Blutwerte:
Erste Wissenschaftler melden sich zu Wort!
In der vergangenen Woche habe ich hier auf meiner Webseite die Original-Messprotokolle meiner während der Mehrkampf-WM in Hamar (6.+7. Februar) ermittelten Blutwerte veröffentlicht und Mediziner, Wissenschaftler bzw. Anti-Doping-Experten um Stellungnahmen gebeten, ob anhand dieser Werte ein Dopingnachweis geführt werden. Denn allein auf diese Werte stützt sich der CAS in seinem Urteil vom 25.11.2009, mit dem er meine von der ISU verhängte, zweijährige Sperre bestätigte. Ursprünglich hatte mich die ISU beschuldigt, fast über in Jahrzehnt lang (Januar 2000 bis Februar 2009) gedopt zu haben. Im Laufe des Verfahren rückte der internationale Verband von dieser Anklage Schritt für Schritt ab, ehe ich im Rahmen der CAS-Verhandlung „nur noch“ für den Zeitraum Oktober 2007 bis Februar 2009 beschuldigt wurde. Das Urteil des CAS zielte am Ende nur noch darauf ab, das die Hamarwerte einzig durch Manipulation zu erklären seien.
Kurz nach meiner Offenlegung dieser Werte auf meiner Webseite, meldeten sich erste Mediziner, die „meinen Fall“ allerdings nicht nur anhand der Hamarwerte, sondern in der Gesamtheit (ursprünglicher Anklagezeitraum) bewerten und analysieren wollten. Schließlich sind bei mir auch vor der WM in Hamar immer mal wieder erhöhte Retikulozyten gemessen worden. Selbstverständlich habe ich hierfür auch alle anderen mir vorliegenden Werte (seit 2000) zur Verfügung gestellt. Mittlerweile habe ich darauf bereits mehrere Reaktion erfahren. Die erste Auswertung möchte ich hiermit unkommentiert weiterreichen:
Sehr geehrte Frau Pechstein!
Ich möchte ganz offen sein. Ich war mir auf der Basis der Berichterstattung in Funk und Presse bislang sicher, dass Sie gedopt haben. Im Nachhinein fällt mir allerdings auf, dass niemand zu irgendeiner Zeit einen konkreten Laborwert genannt hat. Es hieß immer nur,
Ihre Retikulozytenwerte ließen auf Epo-Gebrauch schließen. Doch seit mir ihre Blutwerte nun im Detail vorliegen, muss ich feststellen, dass Epo-Doping oder irgendein anderes Blutdoping über die gesamte 10-jährige Beobachtungszeit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auszuschließen ist. Denn es fällt auf, dass Sie in der gesamten Zeit immer völlig normale Hämatokritwerte hatten. Der Hämatokrit ist der Prozentanteil der roten Blutkörperchen am Gesamtblut. Marco Pantani, ein zweifelsfreier Doper, wurde z.B. einmal mit einem Hämatokritwert von, soweit ich mich erinnere, 65% nach einem Unfall in einem Krankenhaus aufgenommen.
Man kann bei Ihnen insbesondere bei Welt- und Europameisterschaften sowie Olympischen Spielen keine höheren Hämatokritwerte erkennen. Wer mit Epo dopt, wird sich darum bemühen, insbesondere bei Top-Ereignissen hohe Hämatokritwerte zu haben.
Ich weiß, der ISU-Gutachter, der Ihre Sperre gefordert hat, hat gesagt, den Hämatokrit könnte man durch exzessives Trinken oder durch Infusionen senken; durch das Prinzip der Verdünnung des Blutes. Das ist natürlich richtig; dann müssten Sie aber vor jeder einzelnen Blutabnahme in 10 Jahren exzessiv getrunken haben; auch vor unangemeldeten Trainingskontrollen. Eine solche künstliche Hämatokrit-Senkung ist praktisch nur auf der Toilette möglich, wegen des dann zwangsläufig unerträglichen Harndranges.
Auch bin ich äußerst erstaunt, dass Ihr Sportverband bei Kontrollen während oder vor Wettbewerben offenbar keinerlei Maßnahme ergreift, um die Chancen für eine künstliche Blutverdünnung zu verringern. Ein klein wenig Wartezeit und das Wasser findet seinen Weg aus dem Körper.
Es erstaunt mich auch, dass der Verband Ihnen dieses eigene Versäumnis anlastet. Wenn ich die Abläufe richtig verstehe, haben Sportler bei unangemeldeten Trainingskontrollen keine exzessiven Trinkmöglichkeiten vor der Blutabnahme. Im übrigen kann ich mir nicht vorstellen, dass man den Hämatokrit durch Trinken aus dem „Dopingbereich“ auf z.B. 43% oder geschweige denn auf 40 % senken kann.
Insgesamt verachte ich den Dopingsumpf zum Beispiel im Radsport mit den mafia-ähnlichen Strukturen und bin richtig erstaunt, mit welch niedrigen Hämatokritwerten man Olympiasieger und Weltmeister werden kann. Ich war bislang davon ausgegangen, dass nur Doper und Menschen mit von Natur aus hohem Hämatokritwert solche Erfolge erringen können. Für mich als Ausdauer-Hobby-Sportler eine tolle Erkenntnis.
Sie haben auch Ärzte zur Stellungnahme zu ihren Werten aufgerufen. Dem bin ich hiermit gefolgt. Ihre Tabellen sind aber auch für uns Ärzte nur mit Mühe lesbar. Ich habe mir deshalb erlaubt, die Zahlen in eine neue Tabelle zu übertragen. Zudem habe ich in dieser Tabelle dargestellt, wie Ihre Werte zu den sportlichen Höhepunkten aussahen und ihre sportlichen Erfolge (Medaillen) integriert. Aus dieser Tabelle kann jeder deutlich leichter erkennen, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass Sie irgendeine Form von Blutdoping betrieben haben. Wer mit einem Hämatokrit von 39% bei den Olympischen Spielen von Turin antritt, ist über jeden Zweifel erhaben.
Ich glaube es wäre günstig, diese Tabelle speziell für Ärzte ins Internet zu stellen und nicht die schwer lesbare der ISU. Besucher Ihrer Webseite könnten sich die Tabelle auch ausdrucken und sie ihrem Hausarzt zeigen oder befreundeten Krankenschwestern und Arzthelferinnen. Deren Kommentare könnten sie dann ja auf ihrer Webseite mitteilen.
Mit freundlichen Grüßen,
Winfried Gassmann
Diesem Wunsch von Prof. Dr. med. Winfried Gassmann komme ich gerne nach. Hier findet jeder Arzt die von ihm erstellte Tabelle. Für seine Mühe, die Werte so aufzubereiten und sie in Zusammenhang mit meinen sportlichen Erfolgen zu stellen, gilt ihm mein ganz besonderer Dank. Denn vor allem durch die gesonderte Aufstellung der Werte bei den Saisonhöhepunkten EM, WM und Olympia wird endliche einmal eindrucksvoll das Gerücht aus der Welt geschaffen, meine Werte seien stets bei den wichtigsten Wettkämpfen erhöht gewesen. Prof. Gassmann praktiziert im übrigen als Arzt für Hämatologie und Facharzt für Innere Medizin.
Zu einer mit Prof. Gassmanns vergleichbaren Beurteilung meiner Blutwerte kommt auch Prof. Dr. med. Rolf Kuse, Arzt für Innere Medizin u. Hämatologie:
„Obwohl alle Spitzensportler unter dem Generalverdacht stehen, manipuliert zu haben, gehe ich in Ihrem Fall davon aus, dass kein EPO verabfolgt wurde. Denn sonst hätte man im Laufe der vielen Jahre sicher irgendwann einmal eine positive Urin-Probe oder erhöhte Hämoglobin- oder Hämatokritwerte gefunden“, schrieb mir der ehemalige Leiter der Hämatologischen Abteilung des Hamburger St. Georg Krankenhauses per Mail.
Bereits vor den Statements der Professoren Gassmann und Kuse hatte Anti-Doping-Experte Dr. Klaus Pöttgen, die Entscheidung, meine Blutwerte öffentlich zu machen, wie folgt kommentiert: „Jedem, der sich als Experte im Bereich Blut bezeichnet, müssten spätestens jetzt größte Zweifel klar werden. Ein Epo-Profil, wie behauptet, sieht anders aus. Die biologischen Parameter ergeben keinen Sinn für ein Dopingvergehen und die Zellunterfraktionen kann man auch durch Blutverdünnung nicht beeinflussen.“
Mit den Professoren Winfried Gassmann u. Rolf Kuse sowie den Anti-Doping-Experten Klaus Pöttgen und Michael Ashenden („Ich habe keine vernünftige Erklärung, wie dies durch Doping verursacht sein könnte“) haben damit innerhalb weniger Tage vier unabhängige, nicht in das CAS-Verfahren involvierte Wissenschaftler und Mediziner deutlich gemacht, dass es ihrer Meinung nach eine andere Ursache als Doping für die bei mir mehrfach erhöht gemessen Retikulozyten geben muss. Damit schließen sie sich den Expertenmeinungen der Verfahrensgutachter Prof. Dr. med. Wolfgang Jelkmann, Prof. Hermann Heimpel und Prof. Lothar Röcker an, die bereits während des CAS-Verfahrens erhebliche Zweifel an dem Dopingvorwurf gegen mich formuliert hatten. Darüber hinaus hatten auch Dr. Rasmus Damsgaard und Professor Walter Schmidt in von den CAS-Richtern nicht zugelassenen Gutachten dargelegt, dass kein zweifelsfreier Dopingnachweis geführt werden könne.
Daran sieht man, dass sich die Ungerechtigkeit, die mir widerfahren ist, unter Medizinern immer weiter herumspricht. Ich appelliere an die Wissenschaft, sich meines Falles anzunehmen und zu einer Klärung beizutragen. Alle meine Blutwerte sind hier, auf meiner Webseite einzusehen. Ich habe nichts zu verbergen und hoffe, dass jede Expertenmeinung einen Beitrag zur Wiederaufnahme meines Verfahrens leisten kann. Denn es ist für mich schwer vorstellbar, dass sich die ISU und der CAS auf Dauer gegen diese Vielzahl fundierter Meinungen aus der Medizin und Wissenschaft stellen können.
In diesem Sinne,
bleibt mir gewogen
Eure Claudia

PS: Mit ungläubigem Staunen habe ich zur Kenntnis nehmen müssen, wie wenig Fachkenntnis ausgerechnet der IOC-Präsident Jacques Rogge über meinen Fall besitzt.
„Die ISU entschied, dass eine Blutmanipulation vorgelegen hat, wahrscheinlich eine Transfusion, und sie wurde disqualifiziert. Ich glaube nicht, dass wir sie zu einem Sonderfall machen dürfen”, lässt sich Rogge unter der Überschrift „Ich bin ein cooler Typ“ in der Tageszeitung „Die Welt“ zitieren. Dazu nur zwei Anmerkungen:
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Aus mir muss man keinen Sonderfall mehr machen, ich bin bereits einer. Denn als erste und bislang einzige Athletin in der Geschichte des Sports wurde ich anhand eines einzigen auffälligen Blutparameters gesperrt. Da kurz nach dem CAS-Urteil von der WADA die neuen Guidelines für den Indirekten Beweis verabschiedet wurden (diese sehen insgesamt 10 Blutparameter vor, die betrachtet werden sollen), werde ich wohl auch die Einzige bleiben...
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Bluttransfusionen waren überhaupt nicht Gegenstand der Anklage. Nicht einmal die ISU-Gutachter, die mich belasteten, sind zu irgendeinem Zeitpunkt von Transfusionen ausgegangen. Das diese jetzt von Rogge ins Gespräch gebracht werden, ist eines Funktionärs in seiner Position unwürdig. Und einmal mehr ein Beweis dafür, wie oberflächlich die großen Bosse über ein menschliches Schicksal hinweggehen.
Mit dieser bitteren Erkenntnis bekommt für mich auch Rogges vor dem CAS-Verfahren formulierte Aussage, mein Fall sei „ein Lackmustest für den Indirekten Beweis“, noch einmal eine ganz andere Bedeutung...