Update: 7. Dezember 2009
In der besinnlichen Adventszeit
hat man viel Zeit zum Nachdenken ...
Am gestrigen Nikolaustag und 2. Advent bin ich mal wieder mächtig ins Grübeln gekommen. Vor allem habe ich mich einmal mehr über die deutschen Medien gewundert. In zahlreichen Mails, die ich aus Holland bekommen habe (ein, zwei Beispiele habe ich wieder unter den Mutmachern veröffentlicht), wurde ich darauf hingewiesen, dass in der angesehen Tageszeitung 'NRC Handelsblad' ein Interview mit dem Statistiker Klaas Faber (http://www.nrc.nl/sport/article2430747.ece/Statisticus_laakt_zaak-Pechstein) veröffentlicht wurde, in dem das CAS-Urteil gegen mich deutlich kritisiert wird. Da ist unter anderem sogar von „Betrug“ die Rede. Da habe ich mir natürlich die Frage gestellt, warum die Meinung Fabers, die mich ganz deutlich entlastet, hierzulande keine Rolle spielt? Aber halt, ganz so ist es dann doch nicht. Ich musste feststellen, dass ausgerechnet der Journalist Jens Weinreich, der lange Zeit (oder auch immer noch?) zu meinen schärfsten Kritikern zählte, in seinem Blog (http://jensweinreich.de/?p=5964 http://jensweinreich.de/?p=5964) einen ähnlichen Text von Faber veröffentlicht hat. Auch die Deutsche Üresse-Agentur (dpa) hat sich dieses Themas angenommen und folgenden Text an ihre Kunden verschickt:
Kritik an CAS: Experte spricht von «Fälschung»
Amsterdam (dpa) - Der niederländische Bio-Statistiker Klaas Faber hat in der Causa Pechstein schwere Vorwürfe gegen den Internationalen Sportgerichtshof CAS erhoben. Der Experte spricht in seiner Einschätzung des Urteils, mit dem der CAS die Zwei-Jahres-Sperre der deutschen Eisschnelllauf-Olympiasiegerin bestätigte, von einem «Skandal» und fordert die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA zu einem öffentlichen Statement auf.
«Was in dem Urteil gemacht wurde, ist eine glatte Fälschung, das grenzt an bewussten Betrug», erklärte Faber am Freitag im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Sein Gutachten für die Pechstein-Seite war vom CAS aus Termingründen wie auch das der Anti-Doping-Forscher Rasmus Damsgaard und Walter Schmidt nicht zugelassen worden. Diese Tatsache wird nun Gegenstand der Berufung Pechsteins vor dem Schweizer Bundesgericht sein.
Faber wendet sich gegen die angeblich unwissenschaftlichen Begründungen des Urteils, wonach Pechsteins Retikulozyten-Werte von Hamar zu 95 Prozent über einem eher zufällig ermittelten Durchschnittswert lägen. «Diese Sicherheitsmarke reicht niemals aus», sagte er. Seit dem 1. Dezember seien neue Richtlinien der WADA in Kraft, wonach eine Wahrscheinlichkeit von 99,9 Prozent für abnormale Werte sprechen müsste.
Der Fachmann, der als Bio-Statistiker maßgebliche Ausarbeitungen über Werte-Profile und ihre Schwankungsbreiten erstellte, verdeutlichte seinen Frust mit folgenden Zahlen: «Wenn jährlich weltweit rund 200 000 Doping-Proben genommen werden, würde eine 95-prozentige Zuverlässigkeit bedeuten, dass 10 000 Athleten-Proben verdächtig auf Doping wären», sagte Faber. Den wissenschaftlichen WADA-Direktor Olivier Rabin bat er um eine Erklärung, warum Pechstein auf Grundlage der seiner Meinung nach mangelhaften Statistik
verurteilt werden konnte.
Liest sich alles doch ganz interessant oder? Nur in den deutschen Medien ist darüber kaum etwas zu finden. Liegt es etwa daran, dass Faber als Gutachter für mich im Verfahren auftreten wollte? Der Niederländer hat nämlich ein Gutachten verfasst, dass statistische Mängel an der ISU-Beweisführung zum Inhalt hat. Doch dieses Gutachten wurde von der ISU abgelehnt und vom CAS vom Verfahren ausgeschlossen. Ähnlich wie die mich ebenfalls entlastenden, medizinischen Gutachten der Professoren Rasmus Damsgaard und Walter Schmidt. „Zu spät“ lautete die Begründungsablehnung des Gerichts. Doch ist es auch zu spät, um in den Medien darüber zu berichten? Fast scheint es so, als würden die mich entlastenden Expertenmeinungen hierzulande nicht so gerne gewürdigt. Ganz im Gegenteil zu denen, die mich (scheinbar) belasten. Allen voran die Expertise meines eigenen Arztes, Prof. Dr. Hubert Schrezenmeier. Dessen Stellungnahme (die ohne harten Befund bzgl. einer Blutanomalie geblieben war), wurde von den drei CAS-Richtern als einer der wichtigsten Gründe für meinen Schuldspruch herausgestellt. Was die drei Richter allerdings versäumten zu erwähnen, war die Tatsache, dass das Schreiben vom Prof. Schrezenmeier bereits vom 30. Juli 2009 stammte. Er betonte: „Es handelt sich ausdrücklich nicht um eine gutachterliche Stellungnahme“, sondern um eine „Vorläufige Beurteilung“. Schrezenmeier und ich hatten nämlich vereinbart, dass eine weitere Untersuchungsserie folgen sollte. Von daher schrieb er in dem vom CAS gegen mich genutzten Schreiben weiter: „Da diese Serie noch nicht abgeschlossen ist, und ein Teil der Untersuchungen von Ihnen in auswärtigen Labors veranlasst worden ist, bitten wir nach Abschluss der Untersuchungen um Befundübermittlung, um den Verlauf der Werte in Gesamtheit beurteilen zu können.“
Nachdem sämtliche Befunde der neuen, von Schrezenmeier koordinierten Untersuchungsserie vorlagen, wurden diese an Prof. Dr. Hermann Heimpel weitergeleitet. Der Vorgänger Schrezenmeiers als Chef des Instituts für Transfusionsmedizin der Unikilink Ulm stellte dann anhand dieser Befunde fest, dass meine erhöhten Retikulozytenwerte durch eine leichte, angeborene Hämolyse zu erklären sind. Dieses Gutachten von Prof. Heimpel, der als einer der renommiertesten Hämatologen Europas gilt, spielte dann allerdings bei der Urteilsfindung der CAS-Richter keine entscheidende Rolle. Zumindest ist davon im Urteil nichts zu lesen. Und da frage (nicht nur) ich mich, wie einer der drei CAS-Richter, Stephan Netzle, in der FAZ zu der Einschätzung kommt, meine Kritik am Urteil und an den Richtern könne er sich „nur mit Emotionen erklären. In der Sache sehe ich keinen Anlass.“
Wenn diese o.g. „Sache“ keinen Anlass zur Kritik darstellt, dann weiß ich es auch nicht mehr!
Aber ich denke, jeder, der sich die Mühe macht, bis ins Detail zu verfolgen, was vor dem CAS abgelaufen ist, wird sich mittlerweile selbst ein Urteil erlauben können.
In diesem Sinne,
bleibt mir gewogen
Eure Claudia

PS: Ich möchte mich bei allen bedanken, die mir bei der Berliner Sportlerwahl des Jahres ihre Stimme gegeben haben. Kurioserweise wurde ich nach dem CAS-Urteil von der Kandidatenliste gestrichen und mit mir auch alle Stimmen, die für mich abgegeben worden sind. Für mich ist das nicht nachvollziehbar. Denn schließlich war ich auch schon (unschuldig) gesperrt, als ich nominiert wurde. Die Sportfans, die mich gewählt haben, haben dies ja trotz der Anschuldigungen gegen mich getan und sind wohl zu der Auffassung gelangt, dass ich die Wahrheit sage. Und an dieser Einschätzung dürfte wohl auch das Urteil des CAS kaum etwas geändert haben. Von daher würde ich Eines gerne wissen: Wird die Wahl eigentlich wiederholt, wenn das Schweizer Bundesgericht das CAS-Urteil aufhebt? ;-)
So oder so: Ich habe mich jedenfalls riesig darüber gefreut, dass ich hinter Britta Steffen (Herzlichen Glückwunsch, Britta) die zweitmeisten Stimmen erhalten habe. Das zeigt mir, dass mir die Berliner nach wie vor vertrauen. Und das ist in diesen Zeiten mehr wert, als auf der Bühne zu stehen und offiziell geehrt zu werden.