oceanspray
13. Juli 2009

Von halben Zitaten, halben Wahrheiten und halben Ergebnissen

Liebe Fans, liebe Eisschnelllauffreunde, liebe Dopinggegner, lieber Herr Kistner, lieber Herr Hahn,

ich bin ja mittlerweile vieles gewohnt in der Presseberichterstattung über den so genannten "Fall Pechstein". Dass jetzt aber schon "halbe" Zitate herhalten müssen, um eine hohe Dopingwahrscheinlichkeit dokumentieren zu wollen, erreicht dann doch eine neue Qualität - selbst für die ohnehin schon auffällig gwordene Süddeutsche Zeitung. In der Ausgabe vom 13. Juli 2009 darf - laut Meinung der SZ-Autoren - jedermann nachlesen, dass meine Blutwerte, die ich der Fachwelt selbst zugänglich gemacht habe, mich noch tiefer in die Bredouille bringen. Als Begründung werden die Einschätzungen zweier Gutachter angeführt. Das liest sich dann wie folgt:

"Klaus Pöttgen, Chefmediziner des Frankfurt Ironman-Triathlon, sagte ... Pechsteins Retikulozyten sind sehr auffällig". Zugleich moniert Pharmakologe Fritz Sörgel (Nürnberg) Pechsteins Blutprofil verzeichne im Zeitfenster vom 6. bis 9. Februar 2004 extreme Abfälle der roten Blutkörper. Nach einem überhöhten Hämatokritwert von 16,5 wurden drei Tage später nur 13,8 gemessen. Der Fachmann rätselt: "So ein Abfall ist völlig unphysiologisch."

Diese Aussagen stehen für sich. Könnte man meinen! Tun sie aber leider nicht. Denn die Zitate lauteten in vollem Umfang wie folgt:

1. Klaus Pöttgen: "Die 33 Blutabnahmen zeigen extreme Schwankungen bei den Retikulozyten, das ist sicher auffällig. Außerdem sind die extrem hohen Werte in Phasen von Weltcups und vor der WM ungewöhnlich. Hohe Werte erwarten wir eigentlich in einer Stimulationsphase durch Epo, also deutlich vor einem großen Wettkampf, während bei den Wettkämpfen eher hohe Hämoglobinwerte gewollt sind. Festzuhalten ist, dass sich alle Hämoglobin werte zwischen 13,7 und 15,3 (erklärende Anmerkung von mir: "also im Normalbereich") bewegen. Die Retikulozyten sind sehr auffällig. Ob das reicht, müssen die mathematischen Modelle darstellen und Juristen entscheiden."

2. Fritz Sörgel: "Die vom Pechstein-Team zur Verfügung gestellte Excel-Datei ihrer Blutwerte – ein guter und wichtiger Schritt – eröffnet alle Möglichkeiten des Kaffesatzlesens. Ich würde dabei auf Hämoglobinabfälle von fast drei Einheiten innerhalb von drei Tagen (vom 6. auf den 9. Februar 2004) hinweisen. Nachdem am 6. Februar 2004 ein hoher Wert von 16,5 gefunden wurde. Da von einem physiologischen Abfall zu sprechen, bei sonst konstanten Hämoglobin-Werten, fällt schwer. Zum gleichen Zeitpunkt gemessene Retikulozyten geben aber keinen Hinweis auf Eigenblutdoping. Und auf Epo-Doping schon gar nicht. Sind die Hämoglobinwerte also manipuliert worden, per Aderlass, Plasmaexpander oder Flüssigkeitszufuhr? Insgesamt müssen die von Frau Pechsteins Schuld Überzeugten zugestehen, dass die Daten dieser Excel-Datei nur durch ein perfektes System der Verschleierung zu erklären wären. Ein System, wie wir das bisher nicht gesehen haben."

Wer genau hinschaut, dem fällt nicht nur auf, dass die Zitate aus dem Zusammenhang gerissen sind, sondern im Fall von Sörgel nicht einmal korrekt wiedergegeben wurden. Wie dem auch sei: In der Gänze lesen sich die Zitate nicht nur anders, sie vermitteln auch ein anderes Ergebnis. Mit dieser Art des Journalismus tut die SZ weder mir - das ist sicherlich auch nicht gewollt :-) - noch sich selbst einen Gefallen. Das ist ja fast so, als würde sie beim Fußball lediglich darüber berichten, dass es im Bundesligaspiel Wolfsburg gegen Bayern zur Halbzeit 1:1 stand. Die vier Treffer zum 5:1-Endstand für Wolfsburg in Halbzeit zwei würden dagegen verschwiegen...

Das traurige an der ganzen Sache ist die Tatsache, dass mich ein solcher Text in der SZ nicht wirklich überrascht hätte, wenn er lediglich von Thomas Kistner gezeichnet gewesen wäre (siehe auch mein HP-Eintrag vom 8. Juli 2009). Dass sich allerdings mit Thomas Hahn noch ein weiterer SZ-Journalist dieses Stilmittels bedient, stimmt mich zunehmend nachdenklich.

Liebe Kollegen der SZ, haben Sie eine solche Art der Berichterstattung wirklich nötig? Und was bezwecken Sie damit?

Das war's für heute!
Bis morgen, bleibt mir gewogen,

Eure Claudia

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Letzte Aktualisierung:
25.11.2009

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