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Berlin, 7. Juli 2009
Vielen Dank an die vielen „Mutmacher“!
Liebe User, liebe Fans, liebe Freunde des Eischnelllaufsports,
langsam aber sicher kommt Bewegung in den so genannten „Fall Pechstein“. Ich habe aufmerksam zu Kenntnis genommen, dass die Offenlegung meiner Blutwerte eine Diskussion angeschoben hat, die in den nächsten Tagen und Wochen sicherlich noch viele Experten ins Grübeln bringen wird. Die Bild-Zeitung hat für ihre heutige Ausgabe drei Wissenschaftler nach ihrer Meinung zu meinen Werten aus 95 Blutkontrollen seit dem Jahr 2000 gefragt. Ergebnis: Zwei von ihnen hätten keine zweijährige Sperre gegen mich ausgesprochen!
„Wenn ich behaupten würde, dass Frau Pechstein gedopt hat, wäre das grob fahrlässig“, erklärte der Dopingexperte Professor Fritz Sörgel. Diese Aussage hat mich zugleich überrascht und gefreut. Denn noch am vergangenen Sonnabend, als Sörgel mit mir zu Gast im Aktuellen Sportstudio war, hatten seine Aussagen noch den Eindruck erweckt, als könnten meine erhöhten Retikulozytenwerte nur durch Doping entstanden sein. Was zur Folge hatte, dass Sörgel von einigen Journalisten anschließend genutzt wurde, um zu versuchen, den Dopingverdacht gegen mich zu erhärten. So schrieb z.B. Thomas Hummel in seinem Text (http://www.sueddeutsche.de/sport/893/479385/text/) folgende Zeilen:
„Weil ZDF-Moderator Michael Steinbrecher ohnehin nicht hartnäckiges Nachbohrungen bekannt ist und seine Gäste lieber mit guter Laune und Küsschen verabschiedet, hätte die Sendung als einzige Fürsprache für die gut aussehende, mädchenhaft lächelnde Sportlerin und gegen den bösen Internationalen Eislaufverband gewertet werden müssen. Wenn da nicht Fritz Sörgel gewesen wäre, Professor der Pharmakologie und Dopingexperte aus Nürnberg. Sörgel entschuldigte sich bereits vor seinen Ausführungen bei der offenbar auch ihm sympathischen Pechstein. Doch seine Ausführungen waren deutlich: Der festgestellte Wert bei der 37-Jährigen sei derart hoch gewesen, dass es dafür kein natürliches, nicht einmal ein genetisches Argument geben könne. Solche Begründungsversuche würde "alle im Sand verlaufen", prophezeite Sörgel. Dennoch sei es für ihn nun spannend zu beobachten, wie sich dieser bislang einmalige Fall entwickle, "auch wenn das für sie natürlich nicht so schön ist", bemerkte der Professor in Richtung Pechstein. Das hörte sich nicht gut an für die erfolgreichste deutsche Winter-Olympionikin aller Zeiten.“
Lieber Herr Hummel, ich denke, Sie werden mir Recht geben, dass Ihr Text durchaus einige kleine Spitzen gegen mich beinhaltet. Wenn Sie meinen, dass gehört zu einer objektiven Berichterstattung hinzu, dann bitte sehr. Mich interessiert nun aber doch ein wenig, wie Sie über die neue Einschätzung von Professor Sörgel berichten werden? Denn wissen Sie, es gibt einen Grund für seine unterschiedlichen Einschätzungen. Bei seiner ersten, am Samstag hatte er nur von dem so genannten „Fall Pechstein“ gehört. Am Dienstag dagegen kannte er auch alle meine Blutwerte seit dem Jahr 2000. Und wissen Sie, warum er sie kannte? Weil ich sie offen gelegt habe! Haben Sie eine Ahnung warum ich dies getan habe? Im Gegensatz zu den überführten, tatsächlichen Dopingsündern? Ich sage es Ihnen: Weil ich nichts zu verbergen habe. Weil ich nicht gedopt habe! Ich möchte zu gerne selbst wissen, wie meine hohen Retikulozytenwerte zustande gekommen sind! Denn es betrifft meinen Körper, meine Gesundheit!
Alle Experten sind sich einig: Es gibt mindestens zwei Möglichkeiten als Erklärung: Entweder ich habe gedopt oder ich bin krank. Es gibt zudem auch Experten, die noch weitere Erklärungsansätze für möglich halten, aber die lassen wir jetzt mal außen vor. Konzentrieren wir uns auf die Einschätzungen aller Gutachter, auch die, der mich beschuldigenden ISU. Alle sagen: „Entweder hat Pechstein gedopt oder sie hat eine Krankheit im Blut!“ Da ich weiß, dass ich nicht gedopt habe, weiß ich auch, dass vermutlich irgendeine Krankheit in mir schlummert! Können Sie, lieber Herr Hummel, auch nur ansatzweise nachempfinden, was das für ein Gefühl ist? Was mir durch den Kopf geht, wenn sich Experten wie Professor Werner Franke zu Wort melden und sagen: Wenn Pechstein krank ist, dann kann sie nur eine Form von Leukämie also Blutkrebs haben!
Beim Namen Werner Franke wären wir auch schon beim zweiten von der Bild-Zeitung befragten Experten. Für ihn gibt es man muss schon sagen natürlich nur eine Option: Die Sperre ist berechtigt! Ich tröste mich damit, dass der unvermeidliche Franke bislang noch an keinem Dopingverdächtigen ein gutes Haar gelassen hat. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass er sich nicht einmal mehr die Mühe macht, meinen Fall isoliert zu betrachten. Für mich ist er einer von denen, (spätestens hier möchte ich auch die Herren Weinreich schreibt u.a. für Spiegel online - und Winterfeldt - Welt online - begrüßen), die nach meiner Einschätzung alle Dopingverdächtigen über einen Kamm scheren. Ganz gleich welche Besonderheiten der einzelne „Fall“ auch aufweisen mag.
Dies scheint man vom dritten, von der Bild-Zeitung befragten Experten, Professor Dr. Dr. Holger Kiesewetter, vom Institut für Transfusions-Medizin der Charité Berlin wohl kaum behaupten zu können. Denn er kommt zu folgender Einschätzung: „Ich habe mir die Daten durchgesehen. Diese Wertekonstellation ist nicht ausreichend, um die Sperre zu rechtfertigen.“
Fazit: Von den drei Experten halten zwei die zweijährige Sperre nicht für angemessen. Was verdeutlicht dieses Ergebnis? Ganz einfach: Der „Fall Pechstein“ unterscheidet sich wohl doch grundlegend von denen tatsächlicher Dopingsünder. Und zwar nicht nur deshalb, weil sich die ausgesprochene Sperre nur auf Indizien stützt. Sondern vor allem auch deshalb, weil diese Indizien unter den Experten zudem sehr umstritten sind.
Dabei müssen diese Indizien, so sehen es die Bestimmungen vor, extrem wasserdicht sein, wenn ein Sportler ohne echten Beweis, also nur auf Indizien gestützt, verurteilt, sprich gesperrt werden soll. Dies hat der Sportrechts-Professor Jens Adolphsen gestern Abend in der TV-Sendung „Blickpunkt Sport“, in der ich zu Gast war, ganz deutlich unterstrichen.
Ganz nebenbei möchte ich erwähnen, dass es keinesfalls mehrere Indizien gibt, die gegen mich sprechen. Sondern lediglich einen einzigen Parameter meinen erhöhten Wert der Retikulozyten. Dass dieser erhöhte Wert nicht nur einmal, sondern seit dem Jahr 2000 gleich mehrfach aufgetreten ist, macht die Sache nicht leichter. Im Gegenteil! Wie ist dieses Phänomen zu erklären? Noch weiß ich es nicht. Deshalb lasse ich mein Blut umfassend untersuchen. Ich will wissen, was in meinen Körper nicht stimmt. Doch leider kann niemand verläßlich sagen, wie lange es dauern wird, bis ein Ergebnis fest steht. Denn angeblich kann es zehntausende von Mutationen der Blutanomalien geben. Das würde bedeuten, nach der berühmten Nadel im Heuhaufen zu suchen. Von daher gibt es auch einige Experten, die es für möglich halten, dass das Rätsel nie gelöst wird. Aber kann man mir dies zum Vorwurf machen? Kann meine Karriere, meine Existenz wirklich von der Sportgerichtsbarkeit zerstört werden, weil die Medizin noch nicht alle Phänomene im menschlichen Körper erforscht hat? Das kann und darf nicht sein...
Ich bin mir sicher: Um so mehr Details über den so genannten „Fall Pechstein“ bekannt werden, desto mehr Menschen werden verstehen, dass ich unschuldig bin.
Schon jetzt gibt es tagtäglich viele „Mutmacher“, die mir über meine Website per Mail alles Gute wünschen und zum Ausdruck bringen, dass sie mir und an mich glauben! Dafür vielen Dank. Ich versprechen, jeder der mir vertraut, wird nicht enttäuscht werden.
In diesem Sinne, bleibt mir gewogen
Eure Claudia Pechstein

PS: Wenn Ihr Euch wundert, warum ich die Herren Weinreich und Winterfeldt (die Namen könnte ich noch mit deren Kollegen Reinhard Mohr und Thomas Kistner ergänzen) erwähnt habe, ohne auf diese Journalisten und Ihre Berichterstattung näher einzugehen, dann schaut in den nächsten Tagen mal wieder rein... Jetzt muss ich trainieren. Denn was nutzt es mir, wenn ich vor dem CAS gewinne, wieder starten darf, aber keine Kufe vor die andere kriege... ;-)
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